Der in Umsetzung befindliche EUGreen-Deal-Umbau der Hochofenroute auf den Elektrolichtbogenofen ändert die Sekundär-Rohstoffversorgung – sprich: Schrottversorgung – der deutschen Stahlindustrie grundlegend und trifft sie weitgehend unvorbereitet. Dabei sollte alles so schön im Kreis laufen.
Um es kurz zu machen: Die Spurenelemente Kupfer, Zinn und Nickel dürfen in Stahl-Warmband im Mittel in toto die Grenze von einem Pfund pro Tonne Stahl (0,05 Prozent) nicht überschreiten. Spurenelemente eben. Für bedeutende Teile der Produktion soll es nicht viel mehr als ein halbes Pfund sein. Das lernen wir unter anderem aus erstmalig vergleichender Analyse von Millionen Tonnen Stahlerzeugung für unterschiedliche Produktlinien. Deshalb kommt Rohstahl für Flachstahl bisher aus sauberem Roheisen.
Durch weltweit knappen, E-Ofen-geeigneten Eisenschwamm, im Wesentlichen aber durch Schrott in den Schmelzofen gebracht, sind sie aus der Schmelze nicht zu entfernen. Sie verursachen Oberflächenfehler am Produkt, an Feinblechen für Automobilaußenhaut und besonders an Getränkedosen. Die EU-Schrottsortenliste gestattet das etwa Achtfache dieser Metallspuren bei Altschrott und das bis zu Fünffache bei Neuschrott. In die Rolle des Game-Changers gedrängter Schredderschrott bringt es im besten Fall auf drei Pfund, kann aber auch acht Pfund und mehr der an sich edlen
Zutaten enthalten. Die stammen überwiegend – wie sich zeigt – aus den kleingehäckselten Eisenprodukten selbst. Damit geht er – mit heimischen Ausnahmen – in die E-Ofen-„Abfalleimer“ in Drittstaaten.
Warmband stellt in Deutschland mehr als die Hälfte der warmumgeformten Stähle. Mit seinen hochgezüchteten kaltgewalzten Derivaten Feinblech und Kaltband steht und fällt der konsumtive Stahlverbrauch für Auto, weiße Ware, Blechverpackung und Ähnliches. Und damit der strategische Teil der deutschen Metallverarbeitung. Man kann mit Fug und Recht sagen: Damit steht und fällt unsere Stahlindustrie.
Für den theoretischen Fall, dass von seinen im Anfall gut abschätzbaren Neuschrottmengen jedes arteigene Fitzelchen wieder den Weg in die Verteilerrinne der Brammenstranggießanlage findet („Cradle2Cradle“), ist rein massenbilanziell ein Pari-Pari-Einsatz von Eisenschwamm und Warmbandschrott im vorgeschalteten E-Ofen möglich. Und das nur, weil der größte deutsche Warmbanderzeuger einen anderen, offenbar schrottärmeren Weg geht – bisher einsam und allein auf der Welt.
Nicht ausreichend Schrott vorhanden
Und was macht das umgebaute (vulgo: transformierte) Grobblech? Und was macht der nun in Teilen ebenfalls umgebaute Langstahl, der trotz zehnfacher Akzeptanz für besagte Spurenelemente bedeutende Mengen Warmbandschrott benötigt, um seine Analysen zu treffen? Und was macht etwa der Eisenguss mit seinem hochwertigen Schrottbedarf für Kugelgraphitguss, analysiert aus Dutzenden Schrottspezifikationen mit seiner zusätzlichen Furcht vor Austenit- und Feinkornbildnern?
Der in Deutschland 40 Millionen Tonnen Eisen pro Jahr erzeugenden Industrie fehlen am Ende freundlich gerechnet vier Millionen Tonnen spurenelementarme Schrotte. Die sind durch Importe nicht zu besorgen. Denn nicht nur wir, auch die übrigen EU-Stahlerzeuger retten das Klima.
So reicht es bei Warmband mit Hauen und Stechen eben nur zu einem „recycled content“ wie heute über Konverterstahl gängig. Sehr zum Verdruss der Kreislauffans. Und sehr zum Schaden von Stahl. Bei explosiv höheren Kosten für Neustahl aus kohlenstofffreiem Eisenschwamm ist dieser Schrottanteil zum Überleben zu wenig, zum Sterben aber genug, wenn sich nichts tut.
Den Schrotthandel trifft es ebensounvorbereitet. Er kann Altschrott mit abschreckender Zink- und Organiklast häckseln und gibt dabei vor, die Hackschnitzel nach ihren üppigen Legierungsbegleitern sortieren zu können. Die sich den Schreddern widersetzenden, zu harten oder zu dicken Schrotte kann er mit unterentwickeltem metallkundlichen Gefühl kleinscheren.
Bei Neuschrott hat er einen wirklich ausgezeichneten Überblick, wo an welcher auch kleinen Entfallstelle heute noch hochwertiger Warmbandschrott zu besorgen ist. Den verschneidet er intelligent mit weniger Brauchbarem auf die Wünsche der Kunden. Wenn der bald fehlt, wird es eng.
Auto-Stanzschrotte in den berühmten „Paketen“, einem wirren Gemisch aus weichem und hochfestem Stahl, gehen ihren eigenen Weg. Viel davon werden die OEM in den Norden Europas zu den Klimagurus unter den Stahlwerken schicken wollen. Die freuen sich über wenig Kupfer, an den mit Mangan und Chrom gut gewürzten Stahlgemischen beißen sie sich aber, wie auch die heimischen E-Öfner, die Kostenzähne aus.
Zum Schließen der Millionen-Tonnen-Lücke muss Altschrott an die Front. Aber nicht – um im derzeit so beliebten Bild zu bleiben – als Spezialkommando zum Sturm auf Tiefziehstähle. Sondern eher als Entsatz erschöpfter Besatzung in den Schützengräben von Langstahl und Eisenguss. Sie wird an die einbrechenden Frontabschnitte verlegt.
Sieben Millionen Tonnen Altschrott, vornehmlich Schredder- und Scherenschrott, exportieren wir pro Jahr mit auf Sicht steigender Tendenz. Altschrott wird mehr. Das Eisenprodukt, das derartig belasteten Rohstoff verträgt, bei uns weniger. Warum die Stahlindustrie den Export verhindern will, bleibt auf den ersten Blick ihr Geheimnis. Im Lande können wir ihn in bisheriger Handelsform objektiv nicht brauchen.
Oder doch? Aus diesem Altschrott müssen in naher (!) Zukunft nachgefragte Mengen an Eisen-Rezyklat entstehen. Das ist „disruptiv“ und soweit wie notwendig veredelt. Disruptiv nur für die Eisenwirtschaft. Bei Nichteisen bereits weitgehend Stand der Technik.
In präzise wirtschaftlich abgestimmten Schritten wird Rezyklat möglichst exakt auf die metallurgische Anforderung in a) maximal Eisen, b) gewünscht Legierungsinhalt und c) notwendige Verdichtung „designed“. Wie es schon im Ansatz bei Gießereischrott geschieht.
Die Chance für den Stahlschrotthandel
Dazu ist die schmelzprozessuale Anforderung an das Rezyklat unverklemmt zu kommunizieren. Stahlwerker geben die erforderliche Spezifikation und denken dabei auch an das Chargieren und an umweltbelastende Kuppelprodukte. Einkäufer kaufen exakt danach ein, Schrotthändler sichern mit Legierungsmittel-Nachweisen die Qualität. Hört sich einfach an.
Und dazu ist der Umgang mit Thermolyse, Hydrolyse, Lasersensorik und anderen, für Eisenleute bisher eher geheimnisumwitterten, Verfahren unausweichlich.
Wenn der kalte Aufbereitungsweg nicht reicht, muss es warm werden. Hier haben die Hüttenleute einen Hochtemperatur-Chemiebaukasten, der hilfreich sein kann. Insbesondere für Eisenguss. Sekundäreisen ist das Stichwort. Batterien für Verklapp-Strom ist heute. Eisengranulat-Rezyklat als Stromspeicher ist morgen.
Die Elektrifizierung von Gesellschaft und Industrie, aber auch die Unbedarftheit der Eisenproduzenten, sorgt für die beständige Zunahme an Kupfer und Zinn im Eisenkreislauf. Für die Senke gibt es Lösungen. Wir werden sie – wie gehabt – noch eine Zeit lang verdrängen. Aber auf Sicht sind sie unumgänglich.
Ich sehe Entscheider wie immer ungläubig dreinschauen, den Kopf schütteln und denken: viel zu teuer, das bezahlen die nie.
Die werden bezahlen! Bisher war Eisen aus dem Hochofen kostengünstiger als Schrott. Grüner Stahl aus dem E-Ofen stellt diese Welt fundamental auf den Kopf. Und Eisengießern bleibt ohnehin keine Wahl. Das ist die Chance für den Stahlschrotthandel. Das ist der Rettungsring für die Eisenproduzenten.
Probleme aus eigener Kraft lösen
Sollten Teile meiner deutschen eisenschaffenden Industrie die Kostenspirale und andere Dramen überleben wollen, müssten sich führungsstarke Ingenieure in Unternehmensleitungen in geeigneter Weise organisieren und Tacheles reden. Sie überlegten im Falle, wie man aus eigener Kraft die Probleme gemeinsam anginge und löste. Und wir starten nicht von null, sondern wissen wie und was! Jedenfalls ein herzliches „Glück auf!“ für jeden richtungsweisenden Schritt.